Mittwoch, 2. September 2026

Der Fuchsbau lebt weiter

Es gibt Bauwerke in Schwabing, die stehen so monumental an den Nahtstellen unseres Kosmos, dass man sie über Jahrzehnte wie selbstverständlich passiert, ohne je einen Fuß hinter die Schwelle zu setzen. Der Fuchsbau in der Ungererstraße ist genau so ein Koloss. Errichtet kurz nach den Olympischen Spielen 1972 als dreiarmiiges Pyramidenhochhaus – eine echte Trutzburg des Brutalismus mit gestaffelten Terrassen, auskragenden Beton-Wasserspeiern und karminroten Fensterelementen. Unten lief jahrzehntelang der Projektor im Kult-Kino Lupe 2, oben feierte das München der Siebziger rauschende Feste auf der Dachterrasse am Pool.

Als alter Schwabinger habe ich diesen Bau über all die Jahre immer nur von außen studiert. Ich kenne die Fassade, den Schwung der Kreuzung, den Widerhall des Röhrens der Motoren, wenn man stadtauswärts beschleunigt. Aber Kontakt zu jemandem aus dem Fuchsbau? Nie. Keinen einzigen. Der Fuchsbau war wie ein edles Mysterium im Vorbeigehen – man wusste, dass es ihn gibt, und dass sich hinter der kühnen Terrassenfassade hunderte Leben abspielten, aber man drang nicht ein.

Nun, im gehobenen Alter, hat sich die Pforte zu dieser Festung der Schwabinger Geschichte über eine wunderbare bekannte, die dort nun residiert, schließlich geöffnet. Und so sitze ich heute – mit jener gelassenen Altersmilde, die man sich in all den Schwabinger Jahrzehnten mühsam erworben hat – oben bei ihr auf dem Balkon und trinke Kaffee. Unter mir liegt der Klang der Ungerer- und Leopoldstraße, das nie ganz verstummende Rauschen der Stadt, während mein Blick über das Schwabinger Häusermeer schweift. Ich sitze also in dieser Terrassenpyramide, schaue auf mein altes Revier und denke mir: Yep, besser spät als nie.

Wie es Dorin mit dem Fuchsbau hält, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber als alter Freund und Getreuer des Akademieviertels ist das hier oben, so nah am Nordfriedhof und der Ausfallstraße, für ihn vermutlich ohnehin schon tiefste (betonierte) Provinz.
Das wahre Schwabylon hat eben viele Kiez-Grenzen – und manche überschreitet man erst im besten Alter.